Die Legende von John Blair – von Blossom Benedict Vanderpol

benchEs gibt da einen Mann, den ich auf meiner Telefonliste halte und doch nicht anrufen kann.
Und obwohl ich weiß, dass er nie abheben wird, kann ich seine Nummer nicht löschen. Ich muss lächeln, wenn ich seinen Namen sehe. Und er erinnert mich an die Abenteuer, die nur einen Hauch entfernt sind, wenn wir ‘ja’ sagen.
Ich kam gerade von einem Retreat zurück. Von einem, bei dem ich im Wasser saß. Von einem, bei dem ich mit jedem Molekül und der ganzen Natur verbunden war und die Magie spüren konnte, die durch meine Venen strömt. Ich hatte es geschafft, diese Magie durch drei Anschlussflüge und den schwülen Flughafen zu bringen, und nun stand ich auf einer Straße voller Taxis und kreischenden Presslufthämmern. Ich schwebte durch die Straßen, ein Bündel an Raum und Frieden, um ein Stück von New Yorks Bestem zu erstehen: Käsepizza mit einer extra Portion Parmesan. Ich ließ jeden Happen davon in meinem Mund zergehen, und ein Lächeln breitete sich auf meinen Wangen aus. “Welche großartigen Abenteuer kann ich heute haben?” fragte ich mich, verliebt in meine Pizza und verliebt in die ganze Welt. Ich machte mich auf den Weg zurück in Richtung 71. Straße zu meiner heiß geliebten Hütte.
“Hey Miss, können Sie mir auf den Bordstein helfen?” Sein Rollstuhl steckte am Gehwegrand fest. “Natürlich”, antwortete ich automatisch und packte die Griffe seines Rollstuhls und schob. Ich ging schon weiter, als seine Stimme mich festhielt. “Was sind Sie?”, fragte er mich. Da war ein ungewöhnliches Staunen in seiner Stimme. “Sie sind nicht von hier. Sie sind nicht wie die Anderen. Ihre Augen sind so friedlich. Und Sie haben einen verdammt tollen Hintern.” Ich sah ihn verwundert und gleichzeitig geschockt an und war mir nicht sicher, ob ich beleidigt oder geschmeichelt sein sollte. Aber ob es jetzt Schmeichelei, Aufrichtigkeit oder pure Manipulation war in seinen Worten, seinem Staunen, seinem Ton…, ich fühlte mich erkannt. “Wie heißt du, Kindchen?”, fragte er. Und so fing alles an.

John Ellington Blair war ein Obdachloser, der Ecke 71. und Broadway lebte und ‘Master John’ genannt wurde. Mit einem Rollstuhl voller Musikinstrumente und Krimskrams war er so etwas wie ein Stadtoriginal. Da war eine große schwarze Mülltüte um eines seiner Beine gewickelt. “Das hält die Feuchtigkeit von meinem Gips ab, wenn ich schlafe”, erklärte er. Er schwor, dass er mich zum Star machen könnte. Zwei Minuten nach unserem Kennenlernen war er vollkommen überzeugt davon. “Wow, ein obdachloser Agent”, dachte ich zu mir. “Ich steige auf”. “Ganz ehrlich, wenn du so berühmt werden willst wie Britney Spears, musst du schon noch ein bisschen mehr Sex haben und mit deinem Hintern wackeln. Es dreht sich alles um den Hintern. Deiner ist nett, aber er wackelt nicht genug.

Ich wollte nicht Britney Spears sein! Ich war eine Theatergröße. Er war schmeichlerisch und grotesk und hörte überhaupt nicht zu, was ich sagte. Aber ich gab ihm meine Handynummer und ging weg. Nein, ich wusste auch nicht warum. Faszinierte er mich? War er witzig? Vielleicht war das gar nicht so eine gute Idee. Denn er rief mich an und wie!

Er rief an und wollte zum Essen kommen. Ich traf mich mit ihm auf einer Bank mit etwas selbstgemachtem Gemüsesaft und Linsensuppe mit Reis. Er erzählte mir von seiner Affäre mit Roberta Flack und wie er mit all den Jazzgrößen gespielt hatte und er dieses geliebte Instrument, die Vitar, entwickelt hatte. Ich war mir da nicht so sicher.

Er rief an und wollte ein Bad in meiner Badewanne nehmen. Ich traf mich mit ihm im Park mit 5 Gallonen (ca. 19 Liter) heißem Wasser, einigen Nagelknipsern, Handtüchern, Seife und Lotion. Er erzählte mir, wie er dazu kam, erst vor ein paar Monaten an der Ecke meines Blocks auf der Straße zu leben, weil seine Freundin in rausgeworfen hatte wegen Missbrauchs verschreibungspflichtiger Drogen und eigenem Missbrauch. Sollte ich mich zurückziehen? Ich machte mir meine Gedanken. Ich wusch seine Füße und ich hörte zu.

Er rief an und brauchte unbedingt eine Sängerin für ein Muttertagskonzert, das er bei einem örtlichen Seniorenheim gebucht hatte. Ich traf mich mit ihm am ‘Sunset Retirement’ und war peinlich berührt, als ich herausfand, dass wir den Auftritt eines netten Klavierspielers namens Norman ruinierten. Ich bestand darauf zu gehen, während John Blair noch stärker insistierte, dass ich mit dem Klavierspieler singen und herausfinden sollte, ob es möglich wäre, einige Soli für ihn mit seiner Vitar rauszuschlagen. John Blairs quietschende Vitar hatte einen schrecklichen Klang, aber es war das erste Mal, dass ich in New York City singen konnte und ich strahlte. Er war verwegen und lustig und machte mich mutiger, als ich es mir je zugetraut hätte. Es war mir egal, ob seine Geschichten erfunden waren. Es war ein wunderbarer Tag.

Er rief mich an und wollte mit mir nach Floria ausreisen. Er wollte von der Straße weg, bevor der Winter kam. “Ich habe etwas Geld, Kindchen. Wir gehen nach Florida. Komm mit mir nach Florida. Ich mache dich berühmt. Wir sind ein gutes Paar.”

“So geht das nicht”, sagte ich ihm entschieden, aber stimmte zu, ihn am Veteranen-Krankenhaus zu treffen, um herauszufinden, ob es eine Möglichkeit gäbe, ihm ein Krankenbett zu besorgen. Er brauchte eine Hüftoperation. Er hatte sich überlegt, er könne den Termin so legen, dass er mit den ersten Stürmen eingewiesen würde, um dann die erste Hälfte des Winters dort zu verbringen, während er überlegen könnte, wie es weitergehen sollte.
Sie nahmen ihn auf und gaben ihm ein Bett. Er zeigte mir das Krankenhaus und stellte mich seinen Freunden vor, einbeinig und schmutzig. Sein Reden drehte sich im Kreis und war verwirrend. Ich wusste nichts über Veterane oder den Krieg. “Das ist wichtig, Kindchen. Es ist wichtig, dass du das siehst.” Während er die Formulare ausfüllte, fragte er mich, ob ich sein Testamentsvollstrecker sein wollte. Er brauchte einen, um aufgenommen zu werden. “Es ist nur eine Formalität. Ich muss jemanden einsetzen.” Ich zählte die Tage zurück und fand heraus, dass ich ihn nur 2,5 Wochen kannte. “Es gibt sicher jemanden, der besser geeignet ist ….”, verhallte mein Satz. “Natürlich, wenn du das wünschst. Ich muss nur ein bisschen mehr wissen. Wo z.B. deine Konten sind und deine Geigen, wie ich an deine Post komme. Ich weiß nichts über dich.“ “Ich gehe nirgendwo hin, Kindchen. Wenn ich meine, ich gehe irgendwo hin, wirst du es als Erste wissen.” Er gab mir seinen Postfachschlüssel und bat mich, seine Post abzuholen, bevor ich ihn das nächste Mal besuchte. “Ich kann nicht so oft kommen”, sagte ich ihm bestimmt, bevor ich ging. “Es ist weit und ich bin wirklich sehr beschäftigt. Aber ich komme, wenn ich kann.” “Nein, du wirst kommen”, sagte er mir zuversichtlich. “Ich weiß, du wirst. Und wir müssen deine Karriere planen. Ich bringe Roberta Flack dazu, hier runter zu kommen und dich kennenzulernen. Du wirst kommen.”

Zwei Nächte später arbeitete ich in einer Doppelschicht als mein Telefon nicht aufhörte zu klingeln. Ich hatte ihm gesagt, ich wäre bei der Arbeit. Ich würde ihn am nächsten Morgen anrufen. Um Mitternacht spazierte ich am Park entlang und hörte seine Nachrichten ab.

“Ich glaube, Roberta kann morgen kommen. Du musst morgen kommen.” Beep

“Du musst mich anrufen. Ich brauche meine Post. Du musst mir meine Post bringen.” Beep.

Seine Stimme wurde schneller und seine Nachrichten klangen dringender. Beruhige dich. Du hast nichts mehr als Zeit.

“Ruf mich an, Kindchen. Hier ist John Blair. Kannst du bitte anrufen?” Beep

“Ich wollte dir nur sagen, dass ich wirklich dankbar bin. Ich weiß, dass du nicht nach Florida kommen kannst. Ich bin nur, ich bin wirklich glücklich, dich zu kennen. Kannst du morgen kommen? Ich möchte dich wirklich sehen. Tschüss, Kindchen.” Sein Ton war weicher. Beep.

“John Blair. Hey, danke für alles. Ich musste mich jetzt gerade mal bedanken und hören, ob du mich besuchen kommst. Ich möchte dich wirklich gerne sehen. Kannst du mich anrufen?” Beep

Fünf Nachrichten. Es wurde mir ein bisschen viel. Ich begann mich zu fragen, ob ich bei diesem Mann, der auf der Straße lebte und bekannt war wegen Missbrauchs, eine Grenze überschritten hatte. Ich hoffte, keine Schwierigkeiten zu bekommen. Ich wusste nicht, wohin das führen würde. Ich hatte ihm bereits gesagt, dass ich es am Sonntag nicht schaffen würde. Ich hatte eine Verabredung mit ein paar Freundinnen zum Brunch und danach eine Maniküre/Pediküre am Nachmittag. Vielleicht hätte ich es danach geschafft, runter zu fahren, aber ich musste anfangen, Grenzen zu setzen. Fünf Nachrichten in einer Schicht war wirklich nicht in Ordnung. Ich hatte gerade meinen fuchsiafarbenen Nagellack herausgesucht und ihn auf meinen Mittelfinger aufgebracht, als das Telefon klingelte. Ich hatte an diesem Morgen zwei Nachrichten für John Blair hinterlassen und nach den Besuchszeiten gefragt und er rief mich jetzt erst an? “Hey”, ich bediente das Telefon mit meiner nagellackfreien Hand. “Spreche ich mit Blossom Benedict?”, fragte die sterile männliche Stimme am anderen Ende. “Sie sind John Blairs Testamentsverwalter. Ich rufe Sie an, um Ihnen mitzuteilen, dass John Blair vergangene Nacht gestorben ist.” Es gibt Dinge, auf die du nicht vorbereitet bist. Dinge, auf die du nicht vorbereitet sein kannst. Ich sprang vom Stuhl, feuchten Nagellack auf den Fingern, ging raus auf den Gehsteig und brach zusammen. Ich hätte das Telefon beantworten müssen. Er wusste es. Und ich habe das Telefon nicht beantwortet. Wenn die Geschichte hier zu Ende gewesen wäre, wäre es ein magisches und melancholisches und unvergessliches Kapitel in meinem Leben gewesen. Dieser Fremde, der mein Freund wurde und fantasievolle Geschichten erzählte. Das merkwürdige Geschenk, das wir für einander waren in den letzten beiden Wochen, die er gelebt hat. Die Fürsorge, die er mir gezeigt hat und die er war. Die Abenteuer, auf denen er bestanden hat, dass ich sie unternehme.

Aber die Geschichte war hier nicht zu Ende. Sie konnte es nicht sein. Er hat mir seine Habseligkeiten anvertraut, seine Beerdigung, seinen Postfachschlüssel und seine Geigen, und die Mär, dass es irgendwo Geld gäbe und Menschen, die sich um ihn sorgten. Ich stand mit ihm in Kontakt. Ich war zuständig. Und obwohl ich keine Informationen hatte, konnte ich ihn trotzdem nicht im Stich lassen. “Verdammt noch mal, John Blair, du hast mir versprochen, du würdest mir mehr erzählen. Sag’s mir jetzt! Wo zum Teufel fange ich an?” Wer ist John Blair? Wem würde es etwas ausmachen, dass er nicht mehr lebt? Ich gehe auf Schatzsuche, John, gib mir einen Anhaltspunkt.

Ich habe seine Sachen im Krankenhaus abgeholt und habe seine Taschen durchwühlt. Nichts. Ich habe mit einigen Veteranen gesprochen in der Hoffnung, sie wüssten etwas. Sorry. Ich bin zum Postfach gegangen und habe gebetet, dass dort irgendwelche Post liegt. Leer.

Wer war John Blair? Wem würde es etwas ausmachen, dass er nicht mehr lebt?

“Hey, er war obdachlos”, erinnerte mich mein Freund Gabriel. “Wie erstaunlich, dass er dich getroffen hat. Was wäre, wenn es nichts zu finden gäbe? Du hast wirklich dein Bestes gegeben.”

Ich zermatterte mir mein Hirn. Es war nicht genug. Er hatte eine Freundin! Ich wusste nicht, wo sie lebte. Er hatte Geigen in einer Synagoge? Es gab 1000 in der Stadt. Er hat seine Besitztümer bei einem Anwalt gelassen. Einem namenlosen Anwalt?
Ich hatte mal gesehen, dass er seine E-mails auf Gmail im Veteranen-Krankenhaus las. Er schrieb jemandem. War es Familie? War es SPAM? Ich ging zum Computer und haute auf die Tasten. www.gmail.com. Wenn ich seine E-mail wäre, was wäre ich dann?

Benutzername: johnblair@gmail.com tippte ich und spielte herum.

Passwort: v-i-t-a-r, dieses schreckliche Instrument, das er erfunden hatte. Und mit einem Klatsch drückte ich auf Enter.

Und dann gab es diesen Augenblick für mich, einen prägenden, entscheidenden Moment für mich. Einen Moment, in dem es Gott gab, und einen Plan und Hoffnung und Magie und einen Punkt für dieses verrückte Leben. Es war ein Augenblick, in dem ich wusste, dass John sich kaputt lachen würde. Denn mit dem Drücken einer Taste und einer zufälligen wertlosen Vermutung öffnete sich Gmail und damit erschloss sich das Leben von John Blair.

Und obwohl er tot und kalt wie Stein war, hat mich dieser verrückt tragische Comedian ein letztes Mal in ein New Yorker Abenteuer gezogen. “Das Abenteuer und die Liebe im Tod von John Blair.” Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich den folgenden Teil der Geschichte erzählen soll. Er ist wild und wunderbar, wie soll ich also den Ton setzen? Nehme ich all die Dialoge und Blicke und Überraschungen mit auf? Erzähle ich von der Unterhaltung mit der schluchzenden Freundin, die ich gefunden hatte, nachdem ich an jeder Tür klingelte, oder erzähle ich nur, dass ich sie gefunden hatte und zwei Stunden geduldig bei ihr saß und ihr sagte, dass sie nichts falsch gemacht hätte? Zeige ich den Brief, den ich Roberta Flack geschrieben hatte, und sage, dass ich auf die Tür des Dakota (Anm.: Apartmenthaus in N.Y.) zumarschierte? Oder erzähle ich nur, dass es sie wirklich gibt.

Liebe Roberta,

Sie kennen mich nicht. Ich bin befreundet mit einem Mann namens John Blair. Er sagt, er kennt Sie. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt oder ob Sie überhaupt in New York leben, aber ich möchte Sie wissen lassen, dass John Blair in der vergangenen Nacht verstorben ist und wenn Sie ihn gekannt haben, tut es mir leid für Sie.

Wenn Sie Fragen an mich haben, können Sie mich gerne unter (949) 533-xxxx anrufen. Und wenn Sie keine Ahnung haben, wovon ich rede, tut es mir leid, dass ich Sie belästigt habe.

Mit freundlichen Grüßen

Blossom

Ich habe meinen Brief zum Dakota gebracht und den Pförtner gefragt, ob Roberta Flack in diesem Gebäude wohnt. “Das kann ich Ihnen nicht sagen, Ma’am. Wir geben keine Informationen über unsere Bewohner bekannt.” „Nun, wenn sie hier wohnt, würden Sie ihr bitte diesen Brief geben? Es ist dringend. Und wenn sie nicht hier wohnt, dann nehme ich an, macht es auch nichts.” Ich steckte den Brief flehentlich in seine Hände. “Bitte, wenn sie hier wohnt, bitte?” “Ist das alles, Ma’am?”, fragte mich der Pförtner. “Ja, das ist alles.”

Es gab sie und sie rief mich an. Kann ich die rauhe Stimme von Sparky Martin unten in New Orleans wiedergeben? “Haben Sie Bill angerufen? Sie müssen Cosby anrufen. Oh, er wird so traurig sein, wenn er hört, dass Cat tot ist.”

Ich fand den Anwalt, der seine CDs aufbewahrte und den Rabbi kannte, der seine Geigen aufbewahrte. Der Rabbi wusste, dass der Name seiner Freundin Geraldine war, die ich fand, indem ich auf jede Klingel mit dem Initial G drückte im Gebäude, das mir der Anwalt gezeigt hatte.

Geraldine kannte seine Schwester Joyce, die in Michigan lebte und ein Wrack war. Mit jeder Person, jeder E-mail, jedem Schreiben kam die Geschichte zusammen. Seine Geschichten hatte es wirklich gegeben. Und sie gingen weiter und weiter und weiter.

Die Trauerfeier fand im Veteranen-Krankenhaus statt. Roberta hatte sich um die Einzelheiten gekümmert, den Flug seiner Schwester übernommen und den Kuchen bezahlt. Sie waren Verliebte, als sie noch Kinder waren. “Ich glaube, ich schulde ihm das.” Ich saß in der letzten Reihe, umgeben von Gesichtern, die ich gefunden und aus einem Labyrinth zusammengeführt hatte. Die Feier war kurz; eine Geschichte seiner Schwester, ein Gebet gefolgt von einem Lobgesang. “The first time ever I saw… his face…”(*) Robertas Stimme war rauh und offen, als Tränen über ihre Wangen und die der etwa 20 Anwesenden strömten, die an diesem Tag John die Ehre erwiesen, als sie sang. Es war das Konzert eines Lebens, nur ohne die breite Masse und die Jubelrufe. “Möchte noch jemand etwas sagen”, fragte der Pfarrer, “bevor wir schließen?” Er war schon dabei, sein Gebet zu eröffnen. “Ich glaube, ich möchte etwas sagen.” Ich stand von meinem Sitz auf. Ich fühlte mich fürchterlich und fehl am Platz.

“Nun”, ich nahm einen tiefen Atemzug, “von allen hier, glaube ich, kenne ich John am wenigsten. Wir haben uns erst vor drei Wochen kennengelernt und deshalb glaube ich kaum, ich sollte hier sprechen. Aber er war mein Freund. Ehrlich gesagt, war er einer meiner besten Freunde.

Ich bin John auf der Straße begegnet, als ich mir auf der 71. Straße eine Pizza holen wollte. Und ich glaube, ich wollte nur sagen, dass ich dankbar bin, dass ich es war.
In zweieinhalb Wochen hat mich John Blair auf ein unglaubliches Abenteuer mitgenommen. Er hat mir gezeigt, wie man mutig und ohne Angst lebt. Er hat mich dazu gebracht, ein wenig lockerer zu werden. Eigentlich ganz viel. Und er hat mir die unwiderlegbare Existenz Gottes oder des Göttlichen oder einer Art von Magie gezeigt, die uns alle heute zusammenbringt.
Ich glaube, das ist alles. Ich glaube, ich wollte nur sagen, dass es wohl so ausgesehen hat, dass ich ihm geholfen habe. Aber er hat mir auch geholfen.” Und das war’s.

rsz_vitarjohnblairIch habe seine CDs zusammengepackt, außer einer, und sie seiner Schwester mit nach Hause gegeben. Ich wünschte, ich hätte das nicht getan. Er hätte gewollt, dass ich sie habe. Aber ich wollte nicht, dass irgendjemand denkt, ich nehme etwas, das mir nicht gehört. Und es waren nur CDs. Ich habe ein kleines Fläschchen Mandarinenöl behalten, das er oft benutzte, um die Risse seiner straßenerfahrenen Hände zu lindern. Ich habe den Duft gehasst, konnte es aber nicht wegwerfen. Ich habe seinen Gmail Account geschlossen und sein Postfach und den Schlüssel zurückgegeben. Das Geld haben wir nie gefunden. Das blieb ein Geheimnis, eine Legende oder beides. Und das war’s. Das war die Geschichte von John Blair.

Letztendlich hatte ich nur diese Nummer. Die Nummer, die ich nie anrufen konnte.
Nun, nicht wirklich.

Ich hatte meinen Mut… und mein Wissen, dass Magie lebt.

http://www.blossombenedict.com/blossom-benedict-inspiration/the-legend-of-john-blair

Übersetzung: Barbara Hurter